Sonntag, 27. Januar 2013

Ein #Aufschrei geht durch das Netz


Das ist schon eine bemerkenswerte Entwicklung. Ein Spitzenpolitiker wird einer unfeinen Handlung bezichtigt und die politische Klasse verurteilt die Bezichtigerin. Das neue FDP-Aushängeschild Rainer Brüderle soll nachts in einer Hotelbar eine junge Journalistin sexuell bedrängt haben. Konkret geht es um unangebrachte Bemerkungen und eindeutige Avancen. Außerdem soll er eine angemessene körperliche Distanz unterschritten haben. In den Reaktionen der offiziellen Politik wird er nicht als greiser geiler Bock gegeißelt. Immerhin traut man sich inzwischen auch nicht mehr, ihn deshalb unverhohlen als tollen Hecht zu loben. Das macht man heutzutage eher zwischen den Zeilen oder im Hinterzimmer. Stattdessen wird kritisiert, dass bereits die Anwesenheit der Journalistin nachts in der Hotelbar zusammen mit Politikern unangebracht sei. Auch dass sie erst nach etwa einem Jahr darüber schreibt, wird natürlich als Indiz angesehen, dass es sich hier um eine gezielte Rufmord-Kampagne gegen Brüderle handelt. Erstaunlich ist, dass die etablierten Medien unisono den selben Tenor schmettern. Differenziertere Betrachtungen finden sich zunächst ausschließlich im Internet. Insbesondere auf Twitter findet unter dem Hashtag #aufschrei eine lebhafte Debatte statt. Außerdem berichten viele Frauen von ähnlichen Erlebnissen, über die sie bisher nicht berichtet haben. Als Reaktion darauf fangen nun auch die Etablierten damit an, das Ganze weniger einseitig zu bewerten.

Nun, die ursprüngliche Bewertung hat sicher in erheblichem Maße mit Rollenklischees zu tun, die wir in unserer fortschrittlichen Gesellschaft noch immer nicht überwunden haben. Zum Beweis betrachten wir den Vorfall doch einmal hypothetisch mit umgekehrten Vorzeichen. Der redliche Politiker und treue Ehemann Rainer Brüderle sitzt im zarten Alter von 67 Jahren mit einer jungen und leicht gereontophil veranlagten Journalistin in der Hotelbar. Dazu bedarf es zugegebenermaßen eines gehörigen Maßes Fantasie. Er möchte seine politischen Überzeugungen und Ziele erörtern, während sie niedere Ziele verfolgt. Zunächst lässt sie mit Blick auf sein Gesäß eine anzügliche Bemerkung fallen: „Sie können aber auch eine Lederhose füllen.“ Das könnte man angesichts seines Alters zwar missverstehen aber gemeint ist nicht etwa ein Pflegeproblem, sondern seine physische Ausstattung. Natürlich erfordert auch diese Vorstellung wieder viel Fantasie, aber es ist ja nur eine Parabel. Als nächstes nähert sich die junge Frau dem Unschuldigen und deutet vage eindeutige Angebote an. In höchster Not rettet die Assistentin den Politiker, indem sie ihn darauf hinweist, dass es Zeit sei, schlafen zu gehen. Wie sähe nun die Bewertung dieses Vorfalls aus? Zunächst würde die Frau ohne Zweifel als moralisch verwahrlost eingestuft. Dem Politiker würde man die Opferrolle nicht im Mindesten absprechen. Die Rollenverteilung Täter(in) und Opfer wäre für alle klar. Allerdings hätten wir davon nie in der Presse gelesen und auf Twitter hätte der Hastag vermutlich #weichei gehießen.

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